Montag, 17. März 2014

Der Umzug



Für meinen Deutschlehrer, 
ein großer Fan von Peter Bichsel und dessen Art zu Schreiben.


Sechs Kartons. Drei große, quadratische und drei längliche, rechteckige, voller Bücher und Zeitschriften, alten Kuscheltieren und Erinnerungen. Zwei große Taschen voller Kleidung, in der Wohnung in ihrem alten Zimmer standen noch ein Bett, ein Schreibtisch und zwei Regale.
„Vier Fuhren“, schätzte die Mutter und hievte die beiden Taschen in den Kofferraum. Das Auto war klein, der Kofferraum nicht für einen Umzug gebaut worden.
„Vier Fuhren, dann ist es geschafft.“
Hundert Fuhren wären ihr wohl lieber gewesen.
Zwei Taschen und ein Karton fanden Platz. Sie fuhren los, der Vater schweigt, die Mutter plappert. Sie selbst, auf dem Rücksitz, schweigt auch, weiß nicht, was sie sagen soll. Wieviel sie sagen soll.
Ein Karton. Nur ein Karton hatte Platz gefunden.
Das Auto hielt. Ein Karton und zwei Taschen wurden herauf getragen, ins Erdgeschoss, Hochparterre, das neue Zimmer war halb so groß wie ihr altes.
„Noch drei Fuhren“, sagte die Mutter mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Die Eltern fuhren ab, sie blieb zurück.
Und sie kamen wieder.
„Drei Kartons“, sagte die Mutter, schwitzend, es war Hochsommer, dreißig Grad plus. „Noch zwei Fuhren.“
„Wir mussten das Bett auseinander nehmen“, sagte der Vater, als sie wiederkamen, erschöpft vom Tragen und Fahren, genervt von dem stockenden Verkehr und der Hitze. „Es wird länger dauern.“
Mittags rief die kleine Schwester an. Fragte, wie lange es noch dauern würde, sie hätte Hunger. Die Mutter versprach, ihr während einer Fuhre etwas zum Essen mitzubringen.
Eigentlich wollten sie Mittags fertig sein.
Der Schreibtisch passte auch nicht in einem Stück rein. Sie brauchten Stunden, bis er abgebaut, verstaut und wieder aufgebaut war.
Die Sonne ging unter.
Es war Hochsommer, dreißig Grad.
„Noch eine Fuhre“, sagte die Mutter gegen abend. „Noch eine Fuhre.“ Sie lächelte nicht mehr.
Die Regale wurden gebracht.
Schweigend stieg der Vater wieder ins Auto, startete den Motor. Die Mutter räumte in der Küche herum, plauderte, schrieb der kleinen Schwester, es ist spät geworden, sie kämen gleich heim.
Ohne die Große.
„Ruf an“, bat die Mutter, wünsche eine Gute Nacht. Wie früher, wie immer, wie vor den sechs Kartons und als die Möbel noch im alten Zimmer standen.
Sie stiegen ein und fuhren.


Sechs Kartons und zwei Taschen standen in dem neuen Zimmer.